Olympiastützpunkt Brandenburg

Für den langen Kanten hatte Brendel noch mal das Boot getauscht: „Damit ich die Wenden gut hinbekomme.“ Nicht nur diese Manöver meisterte der gebürtige Schwedter, der den Ungarn Attila Vajda und Mark Older-shaw aus Kanada mit Vorsprung abhängte. Auf seiner olympischen Paradestrecke musste sich Brendel dagegen am Vortag seinem ungarischen Herausforderer beugen. Kommentar von Potsdams Meistertrainer Ralph Welke: „Im nächsten Jahr schnappt er sich den Titel.“Dabei kann man den emotionalen Ausnahmezustand kaum ermessen, in dem der 25 Jahre alte Paddler steckte. Auf dem Frontmann der WM-Plakate lastete vor der Heimkulisse ein enormer Erwartungsdruck. Schließlich trat er als Olympiasieger an. Genau wie Franziska Weber und das Duo Kurt Kuschela/Peter Kretschmer. Aber Brendel steht ein weitaus glücklicherer Moment bevor: Der Ausnahme-Athlet wird zum zweiten Mal Vater. „Wir können es kaum erwarten. Termin ist am 6.September.“ Der Sohnemann soll Edwin heißen. „Das hat Romy vorgeschlagen.“ Brendels Freundin Romy Leue kommt aus einer Magdeburger Kanufamilie. Bruder Erik startete ebenfalls bei der WM und gewann Bronze. Romys Vater Eckhard ist Trainer.Phänomenal düste der Canadier-Vierer, besetzt mit Schlagmann Kurt Kuschela, Leue, Erik Rebstock (Neubrandenburg) und Peter Kretschmer im Heck über den nichtolympischen Kilometer zu Gold. „So ein Rennen bekommen wir wohl nicht wieder hin“, gestand der angehende Feuerwehrmann Kuschela. Potsdams Sprintspezialist Stefan Kiraj verpasste indes den Endlauf, entschied aber das B-Finale für sich. Im ebenfalls olympischen Canadier-Zweier über 1000 Meter überquerte das neu formierte Boot mit seinem Vereinsgefährten Ronald Verch und dem Leipziger Sebastian Hennig als Fünfter die Ziellinie. Bekanntlich hatte sich das Doppel Verch/Hennig in der nationalen Qualifikation vor den Olympiasiegern Kuschela/Kretschmer durchgesetzt.Dafür hielten sich die Kajak-Damen schadlos. Das olympische Erfolgs-Duo Weber/Dietze propellerte über die 500 Meter zum frenetisch gefeierten Sieg. „Es lief wie geschmiert“, freute sich die Bauingenieur-Studentin Weber. Am Sonntag legten beide sogleich im Sprint nach, bevor es im deutschen Vierer mit Katrin Wagner-Augustin und Bootsneuling Verena Hantl (Mannheim) Silber gab. Ebenfalls Silber fischte die vierfache Olympiasiegerin Wagner-Augustin im Soloboot aus der Wedau. Den Potsdamer Erfolg komplettierten Conny Waßmuth und Carolin Leonhardt (Mannheim) über 1000 Meter, erneut mit Silber.Im vorletzten Rennen erfüllte sich Brendel, angefeuert von Familie und Freunden, mit seinem Vereinsgefährten Stefan Kiraj und den Leipzigern Stefan Holtz/Robert Nuck noch einen Wunsch: Er angelte sich die dritte WM-Medaille ‒ Silber mit der Staffel.Vor lauter Stolz konnte sich Vereinschef Torsten Gutsche beinahe nicht mehr einkriegen und gab den Zählmeister: „Franzi und Tina haben Potsdam die 70. Goldmedaille überhaupt eingebracht und die 150. WM-Plakette insgesamt.“Brendel sicherte sich außerdem den Sieg im Gesamtweltcup 2013, den der internationale Verband mit einer Prämie in Höhe von 5000 Euro honoriert. Für Babysachen. Womöglich.

Ralf Thürsam, Märkische Allgemeine Zeitung